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Donnerstag, 4. Oktober 2007

Kirchenbuch virtuell - die Zukunft hat begonnen

In verstaubten Folianten blättern, sich durch alte Aktenbündel wühlen, ehrfurchtsvoll die schon brüchigen Seiten betasten , den Geruch von Jahrhunderte alten Papier riechen - Genealogie lässt sich mit allen Sinnen spüren.

Etwas steriler kommt Kirchenbuch virtuell daher, statt ledergebundene Bücher gibt es Bits und Bytes. Mit unheimlichen Fleiß haben es sich die Autoren dieser Seite zum Ziel gesetzt, die Kirchenbücher und andere genealogische Quellen des Kirchenbezirkes Bayreuth eizuscannen, auszuwerten und in digitaler Form auzubereiten. Da Der Kirchenbezirk direkt an das sächsische Vogtland angrenzt, will ich gerne darüber berichten.

Bisher sind über 17.000 Personen in die Datenbank eingepflegt worden, mehr als 80 Bücher sind als Scanns zugänglich und auch einige Familienbücher wurden aufgenommen.


Das Projekt habe ich schon längere Zeit verfolgt, bin aber jetzt erst wieder durch Zufall darauf gestoßen. Auf der Suche nach "meinen Gunzenern" führte mich google zur Datenbank der Bayreuther Kirchenbücher. Dort taucht auf: Niclaus Rudhardt, angehender Bürger und Bäcker zu Weidenberg, Sohn des verstorbenen Paulus Rudhardt, Richter im Vogtland zu Gunzen, einem Dorf zum Städtlein Adorf gehörig. Nicolaus - wie er am 6. Juni 1626 bei seiner Taufe im Kirchenbuch von Schöneck vermerkt ist - heiratet am 14. Januar 1656 in Bayreuth (die Heirat ist im Kirchenbuch Schöneck nicht vermerkt) die Hofschneiderstochter Helena Engelmann. Wer hätte das gedacht...?!

Montag, 28. Mai 2007

Teilprojekt 1 - Rekonstruktion Gunzen (Süd)

Rekonstruktion der zu Markneukirchen gehörigen Familien in Gunzen (Südseite)

Das um 1200 gegründete Dorf Gunzen ist in seiner Kirchenzugehörigkeit entlang des Eisenbaches geteilt, die Nordseite gehört ins Kirchspiel Schöneck, die Südseite in die Parochie Markneukirchen. Während die Kirchenbücher von Schöneck seit dem Beginn ihrer Führung 1593 lückenlos erhalten sind, existieren in Markneukirchen nur noch die Aufzeichnungen ab 1748/49. Die früheren Register wurden durch Feuer vernichtet. Nach Friedrich August Crasselt begann Pfarrer Peter Hochmuther 1572 das erste Taufregister und Nicolaus Hanold 1585 die Trau- und Todenregister [1]. Die Folge ist, dass die Taufen, Heiraten und Todesfälle der Familien auf der Südseite erst ab 1748/49 vorhanden sind.

Im Rahmen des Projektes Familienbuch Schöneck 1593 - 1750 wurde versucht die Südseite von Gunzen möglichst genau zu rekonstruieren (Stand Mai 2007: 1593 - 1708). In erster Linie wurden dazu die Patenschaften und Trauungen ausgewertet, es flossen aber auch Daten aus anderen Kirchenbüchern und Steuerlisten ein. Einen Überblick über die dadurch erreichten Ergebnisse in Genauigkeit und Vollständigkeit liefert der Vergleich mit vorhandenen Steuerlisten.

Das Schocksteuerregister 1628 [2] weist für Gunzen 31 Höfe mit 35 Familien aus, der Wert der Bauerngüter samt dazugehörigem Grund und Vieh betrug zwischen 26 und 11 Schock. Von den 35 genannten Personen können 33 im Kirchenbuch Schöneck gefunden werden, außerdem viele Ehefrauen und Kinder. Die Lebensdaten der Bewohner der Südseite können durch die Patenschaften und Trauungen nur sehr bedingt rekonstruiert werden, allerdings können in Einzelfällen genauere Daten ermittelt werden. So ist Catharina Eichhorn, die Frau von Michael Eichhorn, am 31. August 1673 Pate bei Hans Pragers Tochter Magdalena. Bei der Trauung seines Sohnes Johannes 1675 ist er dagegen nicht mehr am Leben, er muss also zwischen August 1673 und der Heirat von Johannes Eichhorn 1675 verstorben sein.

Ein weiteres, interessantes Beispiel für die Rekonstruktion einer Familie bilden die Müller in Gunzen. Die Mühle liegt auf der Südseite des Dorfes und ist damit nach Markneukrichen gehörig. Der erste bekannte Nachweis der Mühle stammt aus dem Landsteuerregister 1583 und nennt Jobst Jorumb als Müller. Der Name Joram oder Goram kommt in verschiedenen Varianten auch in umliegenden Dörfern vor.

Die früheste Erwähnung eines Gunzener Müllers im Kirchenbuch Schöneck findet sich 1628, in diesem Jahr ist Michel Gorramb Müller und sein gleichnamiger Sohn Pate bei Girg Fickers Kind (Tf. 1628/39). Dieser heiratet um 1630 Dorothea und wird zwischen 1643 und 1662 als Müller genannt. Von ihm können fünf Kinder nachgewiesen werden, drei davon nur über Patenschaften. Sein Sohn Adam heiratet 1663 Elisabeth Gieter aus Gunzen und erst dessen Sohn Adam wird im Kirchenbuch Markneukirchen erwähnt. Damit konnten, ohne dass Kirchenbücher in Markneukirchen vorhanden sind, drei weitere Generationen ermittelt werden.

Diese Beispiele zeigen sehr deutlich, dass die vollständige Auswertung der Kirchenbücher, über die üblichen Daten für Taufe, Trauung und Begräbnis hinaus, auch als wertvolle Ergänzung bekannter genealogischer Daten angrenzender Kirchspiele dient.

[1] F. A. Crasselt: Versuch einer Chronik von Markneukirchen, Schneeberg 1821

[2] HaStA Dresden, 10040, Obersteuerkollegium, Rep. Ia Nr. 36

Sonntag, 20. Mai 2007

Projektvorstellung Familienbuch für das Kirchspiel Schöneck

Heute will ich die Gelegenheit nutzen und mein erstes Projekt vorstellen. Arbeitstitel: "Familienbuch für das Kirchspiel Schöneck 1593 - 1750"

Das Kirchspiel der ev.-luth. Kirche St. Georg umfasst neben der Stadt Schöneck die Dörfer Eschenbach, Schilbach mit Schäferei Erlich, Kottenheide, Muldenberg, Gunzen (Nordseite), Oberzwota, Zwota (bis 1840), Klingenthal (bis 1635), Untersachsenberg (bis 1646) und alle anderen Orte um Klingenthal bis 1672.
Klingenthal und die umliegenden Dörfer wurden erst ab 1591 mit Gründung des Hellhammers besiedelt. Der lange Weg bis nach Schöneck veranlasste die Familie Boxberger jedoch dazu, um Erlaubnis zur Auspfarrung des Ortes nachzusuchen. Schon 1628 legte man einen eigenen Friedhof an, um den beschwerlichen Transport der Verstorbenen nach Schöneck zu sparen. Im Jahre 1635 wurde schließlich das Kirchspiel Klingenthal gegründet, das 1653 eine eigene Kirche bekam und nach und nach schlossen sich immer mehr der umliegenden Dörfer an. Die Auspfarrung von Zwota (ohne Oberzwota) sollte noch bis 1840 dauern.

Das erste Kirchenbuch von Klingenthal 1635 - 1695 ist leider nicht erhalten, so dass auch bekannte Daten aus diesem Zeitraum mit in das Familienbuch einfließen. Ortsfremde Personen werden gesondert erfasst, Patenschaften den jeweiligen Paten zugeordnet.

Die Kirchenbücher von Schöneck beginnen 1593 und sind lückenlos vorhanden, lediglich vereinzelte Einträge sind nicht mehr lesbar. Angelegt wurde das Register von Caspar Olza, der 1593 sein Wirken in Schöneck begann und 1595 nach dem Tod seines Vorgängers Nicolaus Steinmüller Pfarrer wurde. Auf den ersten Seiten ist zu lesen, dass Pfarrer Marbach das Buch in schlechten Zustand vorfand, die Seiten daraufhin ordnen und binden ließ. Der Einband wurde nochmals in den 1930er Jahren erneuert.

Caspar Olza beginnt das Kirchenbuch auf der ersten Seite mit folgenden Worten:
Kirchen Register
Der Kirchen sanct Georgen zu schöneck


Angefangen, und propagirt durch den Ehr„
würdigen, und wollgelahrten herrn Casparum
Olza, der zeitt verorndten pfarherrn,
und den Erbaren, und wollweisen herrn
Andrean Tagk burgermeistern, Micha„
ell pötzschern, und Georg schmirlern
beyde vorsteher, und Gottsväter zu
schöneck.

Im Jhar nach Iesu christi unseres Erlösers geburtt
1 5 9 4.
Den 22 Aprilis.

Es ist aber vor dessen von meinen herrn Antecessoribus
kein Register in nirgent gehalten worden, dz ich also
keinen buchstaben zur nachrichtigung gefunden hab,
ohn allein was ich unwürdiger mit Wissen, und willen
Eines Erbaren, und wollweisen Raths angefangen, Gott helfe
mit guter gesundtheitt, und langen leben solchs zu
compliren.

Wie Olza schreibt, ist kein älteres Register überliefert, obwohl bei Amtsantritt Steinmüller 1563 die Führung entsprechender Bücher bereits verbreitet war. Eine etwas umfangreichere Beschreibung findet sich auf der nächsten Seite.

Kirchen Register
Waß vor personen in meiner befholenen
Kirch zu schöneck von Anno 1594 an
und ferner (da mihr der getrewe gott, das
leben, und die gnadt zu meinen seelsorger verleih„
en wirt) Ehelich worden sindt, gestorben, und da
gegen widerumb kinder geboren, und in meiner
befohlenen Kirchen getaufft, wz aber fur
personen zum h. und hochwirdigen
sacramentius gegangen hab ich in
ein ander register verzeugnet.

Weil ich aber von meinen herrn Antecessore, herrn Nicolao Steinmüller kein Kirchen„
register hab bekommen noch finden können, dz man also von alters hero eine
nachrichtigung, der pfarkinder haben möchte, al hab ich Caspar olza der
Jungere, der zeit unwirdiger pfarrer zu schöneck, mit willen eines Er„
barn Raths und gantzen gemein diß buch binden lassen darrin aller„
ley nachrichtigung der Kirchen verzeignet werden soll, dz man also
uber viell Jhare eine gewisse nachrichtigung finden möge. Der allmechtige
gott gebe mihr nuhn seine gnadt und heilig geist, dz ich sein heiliges
ampt darein ich unwirdiger gesezett bin, mag örndtlich, christlich,
gottseligk, nutzlich, und fruchtbarlich vollfuhren. Amen.

Caspar Olza, oelsnicensis

Leider hat sich das Register der Abendmahlsteilnehmer nicht erhalten, überhaupt ist aus Olzas Wirkungszeit im Pfarrarchiv einzig noch ein Register über Wachs-, Erb- und Kirchenzinsen, sowie ausgeliehenes Kapital vorhanden. Allerdings sollte das nicht weiter verwundern, Schöneck brannte in seiner Geschichte mehrmals nieder, so geschehen 1632, 1680, 1761 und 1856 [1]. Die Wohnhäuser der Stadt wurden in Holzbauweise errichtet und waren mit Schindeln gedeckt, so dass jedesmal die gesamte Stadt den Flammen zum Opfer fiel.

Wilhelm Dillich, Schöneck im Jahre 1628
a) Kirche St. Georg, b) Jagdschloß, c) Burganlage

Nach dem Brand 1632 hausten die Bewohner in Erdhöhlen im umliegenden Wald, da sie sich aus Angst vor den kaiserlichen Truppen nicht in die Stadt trauten. Wichtige Papiere wie die Stadtrechtsurkunde trug der Bürgermeister "in Rantzen auffm rücken mit sich herumb" [2], möglicherweise tat es ihm Pfarrer Olza mit dem Kirchenbuch und anderen Dokumenten gleich. Bereits Pfarrer Johann Ernst Marbach scheinen beim Verfassen seiner 1731 gedruckten Chronik [3] im Wesentlichen nicht mehr Quellen aus dem Pfarrarchiv vorgelegen zu haben, als uns heute.

Die Kirchenbuchführung nach Olzas Tod 1634 übernahm während der Amtszeit von Pfarrer Zacharias Adler (1600 - 1658) der Stadtschreiber Christian Weissenhoff (1589 - 1660). Es folgt 1658 - 1692 Andreas Crusius aus Teuchern und 1692 - 1697 sein Sohn Georg Andreas Crusius. Johann Adam Müller aus Zittau schließlich tritt 1698 sein Amt an und bleibt bis zu seinem Tod 1721 Pfarrer in Schöneck.


Aktueller Stand Familienbuch:
Daten vollständig erfasst 1593 - 1725





[1] Bannert, Harald: Der große Brand von Schöneck, 2006

[2] Zill, Günter: Die ehemalige Burgherrschaft Schöneck, 1999; S. 148

[3] Marbach, Johann Ernst: Das in der Freiheit lebende Schöneck, Schneeberg, 1731